Alexander Kluge

Kälte ist keine Energie

 

Kälte ist keine Energie und kann deshalb auch nicht zurückgestrahlt werden... Das war interessanter als sie gedacht hatte, denn sie war hier nur hereinge­schneit, weil es für den Englisch-Kurs der Volkshochschule, ein Stockwerk tie­fer, zu spät war. Sie hatte die S-Bahn um eine Viertelminute verpaßt, ja nur 10 Sekunden früher und sie hätte sich noch durch die automatische Tür hineinge­zwängt. Dann aber wollte sie nicht aus der Tür rechts hinter dem Vortragen­den in den Unterrichtssaal, vor aller Augen, während des Unterrichts eintre­ten und (auf englisch oder deutsch?) eine Entschuldigung murmelnd, sich zu einem Platz durchzwängen, aller Augen auf ihrer Kleidung, ihrem Gesäß, ih­rem Hals, deshalb war sie panikartig in den Saal 109, ein Stockwerk höher, ge­eilt, der frontal zum Vortragenden betreten werden kann. Auf einem der Plät­ze neben der Tür saß sie unauffällig und dachte hinsichtlich der Kälte, welche nicht die Kraft hat zurückzustrahlen, ja überhaupt keine Kraft, sondern ein Zustand ist, an das Unvermögen Achims überhaupt; zu bemerken, wenn sie ihm kalt oder hitzig gegenüberstand. Er war nicht in der Lage irgendetwas, was er empfing, zurückzustrahlen. In Florenz aber, in einem der früheren Jahrhunderte der Stadt, bauten Gelehrte (Rhetoriker) einvernehmlich vor dem Herzog, einem der Lorenzo-Bankiers, eine Reihe von Geräten auf: einen Eis­block (wie Achim, müde), verbunden mit einem Spiegel, nun sollte der Strahl oder die Reflexion des Eises, eine Art von heißer Suppe in einem Topf kühlen. Dieses Experiment an einem Frühlingstag gelang nicht sofort eindeutig, da ja die Suppe an der Luft auch ohne Einwirkung der Eisstrahlen kühlte. Irgend­wie war aber dann bewiesen, daß Eis nicht strahlt, während ein neben dem Eisblock befestigtes Licht (als Wärmequelle), auf komplizierte Weise gespie­gelt, nicht mechanisch, Pünktchen für Pünktchen, aber doch, wie man heute weiß, in Intervallen an bestimmten erogenen Stellen der Materie die Kraft, die in ihm steckt, weitergibt, erinnernd an verglühende Kohlen, solange, bis nichts mehr übrig ist. Das war eine schöne Dreiviertelstunde, für den Kurs hatte Gerda nicht bezahlt. Sie beschloß, sich von Achim dringlich zu trennen, führte den Beschluß am Abend aber nicht aus, weil sie noch in Eile war.

[1987]