Neutrum


Das Neutrum der deutschen Sprache kann ich auch heute, nach über zweiundzwanzig Jahren in Deutschland, noch nicht leiden. Die arabische Sprache kennt kein Neutrum.
Ein Fremder, der die deutsche Sprache liebt, schließt Frieden mit den Konjunktiven und meinetwegen auch mit den Vorsilben, selbst wenn manche schwer zu verdauen sind. Aber mit dem Neutrum ist nicht einmal ein Waffenstillstand möglich. Ein Neutrum, mit dem der ausländische Mensch in seiner Kindheit und Jugend nie zu tun gehabt hat, ist nichts anderes als eine heimtückische Falle. Etwas Müdigkeit, etwas Trauer oder Wein, Wut oder Begeisterung, und schon sagst du: Der Oberhaupt der Familie begrüßte mich. Dein Gesprächspartner lächelt, wenn du Glück hast, dezent, so dezent, daß du merkst, du hast einen Fehler gemacht. Dein geübtes Ausländerdasein läßt dich den Missetäter sofort erkennen. Oberhaupt, ja. Dann flüsterst du etwas verwundert: »Sagt man die Oberhaupt?« Wieder daneben. »Nein, das Oberhaupt.«

Das deutsche Neutrum ist aber nicht neutral. Im Akkusativ hält es noch die Fahne seiner dubiosen Neutralität hoch, taucht jedoch der Dativ auf, so legt das Neutrum sich auf die männliche Seite. Es heißt, ich überreichte ihm das Geschenk. Das macht das Neutrum so katastrophal. Ich sehe eine junge Frau vor mir. Die Deutschen nennen sie Mädchen! Und ich muß daher im Dativ von ihr wie von einem Mann sprechen.
Manche schlauen Ausländer entwickeln Techniken, um die sprachliche Polizeikontrolle zu überlisten. Ein beliebter Trick ist es, die unsicheren Artikel leiser auszusprechen als die anderen. Eine zweite Möglichkeit ist eine Mischform zwischen der, die und das sehr schnell zu sprechen. Es hört sich an wie: d'Ober-haupt. Kein Mensch merkt die Mogelei. Der dritte Ausweg besteht darin, alles im Plural zu sprechen. Das ist eine todsichere Sache: Die Oberhäupter, die Gespräche, die Komitees. Doch die übereilte Erleichterung führt unversehens zu Peinlichkeiten, wenn man dauernd in Betten schläft und in vielen Gehirnen seine Ideen hat.

Rafik Schami, Gesammelte Olivenkerne aus dem Tagebuch der Fremde, S. 54



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