Du sollst Dir kein Bildnis machen (Max Frisch: Tagebuch, 1946) 

Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jegli­chem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Span­nende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir o sie lieben; solang wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen  nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes uner­schöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man o liebt. Nur die Liebe erträgt ihn so. Wa­rum reisen wir? Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für alle Mal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei. Es ist ohnehin schon wenig genug. Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedes Mal [...]

Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwand­lungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei. Du bist nicht", sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: wofür ich dich ge­halten habe." Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das so der Mensch ja immerhin ist, ein erre­gendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Ver­rat [...]

In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die ändern in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! auch wir sind die Verfasser der ändern; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, ver­antwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage. Wir sind es, die dem Freunde, dessen Er­starrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Mei­nung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die ihn fesselt und langsam erwürgt. Wir wünschen ihm, dass er sich wandle, o ja, wir wünschen es ganzen Völkern! Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstel­lung von ihnen aufzugeben. Wir selber sind die letzten, die sie verwandeln [...]

Max Frisch, Tagebuch, 1946-1949, Suhrkamp Verlag, 1958, S.31-34

AUFGABEN

Lesen Sie den Text und schreiben Sie danach einen eigenen Text zum Thema. Wie sieht es in Ihrem Leben aus - gelingt es Ihnen, sich kein Bild vom Anderen zu machen?

Erinnern Sie sich an Momente und Situationen, in denen ein vermeintlich bekannter Mensch plötzlich „ganz anders" war als bisher? Schreiben Sie einen literarischen Text über solch eine Situation - verwenden Sie den inneren Monolog.



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